Unternehmensgeschichte als akademische Disziplin
Ausgehend von einer knappen Begriffsbestimmung dessen, was eine wissenschaftliche Disziplin ausmacht, sowie einer kurzen Darstellung der Entwicklung der Geschichtswissenschaft und der Wirtschaftsgeschichte zu akademischen Disziplinen und Teildisziplinen, zeichnet der Beitrag die unterschiedliche disziplinäre Verortung der Unternehmensgeschichte in den USA, Großbritannien und Deutschland von der Mitte des 20. Jahrhunderts bis in die 1990er-Jahre nach. Anschließend wird die um die Jahrtausendwende geführte Kontroverse über die disziplinäre Zuordnung der Unternehmensgeschichte in Deutschland – zwischen Geschichtswissenschaft und Ökonomik – behandelt. Daran anknüpfend werden die thematischen Schwerpunkte und die institutionelle Einbindung der deutschen Unternehmensgeschichte in den vergangenen zwei Jahrzehnten skizziert. Abschließend greift der Beitrag die eingangs entwickelte Disziplinendefinition erneut auf, um die Unternehmensgeschichte als ein inter- und transdisziplinäres Forschungsfeld zu charakterisieren, das von Wissenschaftler:innen aus unterschiedlichen Disziplinen und Teildisziplinen geprägt wird.Einleitung
In der Einleitung des Bandes „Neue Perspektiven der Unternehmensgeschichte“ beschreiben Nina Kleinöder, Boris Gehlen, Christian Marx und Juliane Czierpka die deutsche Unternehmensgeschichte als ein attraktives Forschungsfeld der Geschichts- und anderer Wissenschaften aber zugleich tendenziell marginalisierte universitäre Disziplin.1 Ich gehe in diesem Beitrag der Frage nach, ob oder in welcher Form Unternehmensgeschichte stabile akademische Institutionen hervorgebracht und sich zu einer eigenen akademischen Disziplin entwickelt hat. Im ersten Abschnitt skizziere ich nach einer knappen Definition dessen, was eine akademische Disziplin ausmacht, die Formierung der Geschichtswissenschaft und Wirtschaftsgeschichte zu akademischen Disziplinen, um dann die disziplinäre Integration der Unternehmensgeschichte/Business History in den USA, Großbritannien und Deutschland von der Mitte des 20. Jahrhunderts bis zur Mitte der 1990er Jahre zu beschreiben.2 Anschließend nehme ich die Kontroverse um die disziplinäre Einbindung der deutschen Unternehmensgeschichte in die Geschichts- oder die Wirtschaftswissenschaften in den Blick, die um die Jahrtausendwende stattgefunden hat. In der Folge erörtere ich kurz die Ausrichtung und institutionelle Einbettung der deutschen Unternehmensgeschichte in den vergangenen zwei Jahrzehnten, um abschließend vorzuschlagen, Unternehmensgeschichte als ein inter- und transdisziplinäres Feld, dessen Akteur:innen unterschiedliche disziplinäre und subdisziplinäre Hintergründe haben, zu verstehen.
Akademische Disziplinen. Geschichtswissenschaft und Wirtschaftsgeschichte
Die Entstehung wissenschaftlicher Disziplinen wird als Prozess der Ausdifferenzierung des Wissenschaftssystems und der deutschen Universitäten interpretiert, der im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert einsetzte und die Etablierung von „Forschung“ im heutigen Sinne bewirkte. Laut Rudolf Stichweh ermöglichten thematische und methodische Eingrenzungen eine Reduktion der Komplexität der Welt und damit wissenschaftliche Erkenntnis im modernen Sinne. Jede akademische Disziplin spezialisierte sich auf bestimmte Aspekte der „Wirklichkeit“ und entwickelte dazu eigene Fragestellungen, Methoden und Wissensbestände. Diese prägten, was jeweils als Forschungsgegenstand anerkannt wurde und wie dieser wahrzunehmen und zu strukturieren war (kognitive Schematisierung). Die Ausdifferenzierung der Wissenschaften ging im 19. Jahrhundert mit einer institutionellen Trennung und zugleich der disziplinären Verknüpfung von Forschung und Lehre einher. Fachspezifische Kommunikationsformen und -netzwerke (Zeitschriften, Konferenzen) dienten der disziplinären Abgrenzung und der Entwicklung disziplinärer Qualitätsstandards, die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses und entsprechende Berufungen auf Professuren der Selbstreproduktion der Disziplinen.3
Die Geschichtswissenschaft war eine der frühen modernen akademischen Disziplinen. Erste Professuren für Geschichte gab es bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und seit den 1820er Jahren kristallisierte sich die Geschichtswissenschaft als eigenständige Disziplin mit spezifischen Fragestellungen, Methoden und Kommunikationsstrukturen heraus. Die „Historische Zeitschrift“ (1859) diente der Verbreitung neuer Forschungsergebnisse, der Diskussion von Veröffentlichungen (Rezensionen) und der disziplinären Selbstverständigung, indem sie Standards für historische Publikationen etablierte und bestimmte Themen und Methoden als zentral definierte. „Geschichte“ wurde zu einem eigenständigen universitären Studiengang innerhalb der Philosophischen Fakultät. Zum zentralen Ort der Selbstreproduktion der Disziplin avancierte das historische Seminar, an dem der wissenschaftliche Nachwuchs in Methoden und Standards eingeführt wurde. Der Vernetzung der historisch Interessierten und Forschenden diente seit 1852 der „Gesamtverein der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine“, aus dem sich Ende des 19. Jahrhunderts der „Historikertag“ (seit 2025 „Tag der Geschichtswissenschaften“) und der „Verband der Historiker“ (1895) (seit 1998 „Verband der Historiker und Historikerinnen“) herausbildete. Es entstand ein universitäres System mit Lehrstühlen, Seminaren, Promotionen, Habilitationen und Berufungen auf neue Professuren, das die personelle und institutionelle Reproduktion der Disziplin ermöglichte. Die Ausdifferenzierung der Geschichtswissenschaft in besondere Subdisziplinen folgte zunächst epochalen (Alte, Mittelalterliche, Neue Geschichte), dann thematischen Spezialisierungen. Sie verfolgten spezifische Fragestellungen, nutzten besondere methodische Zugänge, schufen eigene Kommunikationsräume mittels Zeitschriften und Konferenzen.
Eine der sich Ende des 19. Jahrhunderts entfaltenden Subdisziplinen war die Wirtschaftsgeschichte, deren Ursprünge in einer historisch fundierten Nationalökonomie und der Geschichtswissenschaft lagen. Die Gründung der „Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“ (1903) markierte die Verfestigung des Forschungsfeldes. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden erste Lehrstühle eingerichtet und, vor allem im Kontext der Nationalökonomie, in den 1920er Jahren ausgebaut. Der Durchbruch der akademischen Institutionalisierung erfolgte in der Bundesrepublik. Er ging mit dem Ausbau der Lehrstühle (in den 1950er Jahren zunächst an wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten) sowie der Gründung wissenschaftlicher Gesellschaften einher („Gesellschaft für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“ 1961, „Historischer Ausschuss des Vereins für Socialpolitik“ 1968). Der massive Ausbau von Professuren der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an den Philosophen Fakultäten (innerhalb der Geschichtswissenschaften) in den 1960er und 70er Jahren und die Etablierung der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte als Nebenfach an den Philosophischen Fakultäten markierten Wirtschaftsgeschichte schließlich als eine akademische Subdisziplin. Allerdings unterschied sich die institutionelle Anbindung der Professor:innen und ihrer Mitarbeiter:innen an den Universitäten, sie waren entweder Mitglied einer wirtschaftswissenschaftlichen oder einer philosophischen Fakultät (Geschichtswissenschaften). Viele Universitäten richteten in den 1960er und 70er Jahren an beiden Fakultäten wirtschafts- und sozialgeschichtliche Professuren ein.
Gegenüber den zunehmend mathematischen und modellorientierten Wirtschaftswissenschaften und den sich in den 1960er und 70er Jahren methodisch öffnenden Geschichtswissenschaften entwickelte die Wirtschaftsgeschichte eigene konzeptionelle und methodische Ansätze und eine eigene disziplinäre Identität. Sie bestand in der Verbindung historischer Methoden mit deskriptiver Statistik, Soziologie oder Ökonomie. Hier bestanden Parallelen zur Entwicklung des Ansatzes der „Geschichte als historische Sozialwissenschaft“ innerhalb der Geschichtswissenschaften.
Die Wirtschaftsgeschichte zeigt idealtypisch, wie aus einer etablierten Disziplin (Geschichte) und in Auseinandersetzung mit einer anderen (Nationalökonomie, Volkswirtschaftslehre) eine Subdisziplin mit eigenen Strukturen entstehen kann, die spezifische Funktionen in der wissenschaftlichen Arbeitsteilung übernimmt. Das Besondere dieser Subdisziplin an der Grenze zwischen den Geschichts- und den Wirtschaftswissenschaften sind ihre inhärent interdisziplinären Züge. Die Entwicklung in der DDR entsprach in vieler Hinsicht der bundesdeutschen. Dies betrifft die Einrichtung von Professuren oder die Gründung des Jahrbuchs für Wirtschaftsgeschichte (1960). Das Selbstverständnis als historische Subdisziplin war aufgrund der dominanten Ideologie des historischen Materialismus jedoch unbestritten.
Unternehmensgeschichte auf dem Weg zu einer akademischen Disziplin? USA, Großbritannien und Bundesrepublik bis Ende der 1990er Jahre
Folgt man Geoffrey Jones und Jonathan Zeitlin, so verfolgt „Business History“ gegenüber dem in der deutschen Unternehmensgeschichte lange vorherrschenden (siehe unten) einen breiteren Ansatz: Business Historians „study the historical evolution of business systems, entrepreneurs, and firms, as well as their interaction with their political, economic, and social environment“.4 Die gesellschaftliche „Einbettung“ der Unternehmen spielte insbesondere in den USA seit Gründung der Business History Society und des Bulletin of the Business Historical Society (1926, ab 1954 Business History Review) eine be–sondere Rolle.5 Zunächst wurde Business History an der Harvard Business School (HBS) mittels des N.S.B. Gras Chair of Business History (1927) eingeführt; zudem baute die Baker Library seit den 1930er Jahren eine bedeutende Sammlung unternehmenshistorischen Materials auf und die HBS führte Pflichtkurse in Business History für ihre Studierenden ein.6 Andere Business Schools folgten diesem Vorbild.
Zur prägenden Figur der US-amerikanischen Unternehmensgeschichte avancierte in den 1960er und 70er Jahren Alfred D. Chandler Jr.. Das bald sogenannte Chandlerian paradigm, der Fokus auf die „managerial revolution“ und die Rolle von Organisationsstrukturen und -strategien für den Aufstieg moderner Großunternehmen, lieferte dem Feld eine wirkungsmächtige kognitive Rahmung. Business History wurde damals in die Curricula vieler Business Schools und Geschichtsfakultäten in den USA aufgenommen. Zugleich traten allerdings die gesellschaftlichen Bezüge der frühen Business History in den Hintergrund; Jones und Zeitlin beschreiben daher eher die Lage am Beginn des 21. Jahrhunderts als die Situation in den 1970er oder 80er Jahren.
In Großbritannien entwickelte sich Business History nach dem Zweiten Weltkrieg in enger Verbindung zur Wirtschaftsgeschichte. Das Feld wurde in der Regel von Professuren der Economic and Social History abgedeckt. Die Zeitschrift Business History dient seit 1958 dem wissenschaftlichen Austausch und der Profilbildung. Eigene Studiengänge entstanden in Großbritannien nicht; Business History blieb in geschichtswissenschaftliche oder wirtschaftshistorische Programme integriert. Eine starke kognitive Rahmung wie in den USA setzte hier nicht durch. Vielmehr brachten britische Wissenschaftler:innen, ebenso wie bundesdeutsche, dem auf Großunternehmen gerichteten funktionalistischen Ansatz Chandlers Skepsis entgegen; sie waren in den 1960er und 70er Jahren stärker an industriellen Arbeitsbeziehungen und den sozialen Aspekten der Industriellen Revolution interessiert. Eine eigene Fachgesellschaft mit jährlichen Konferenzen entstand erst 1990 mit der Association of Business Historians.
Die Entwicklung der Unternehmensgeschichte in Deutschland entspricht eher der britischen als der US-amerikanischen. Doch besteht hier eine besonders lange Tradition der historischen Forschung über Unternehmen. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts erschienen entsprechende Veröffentlichungen über Unternehmen und „Unternehmer“, zumeist Festschriften.7 Doch die akademische Forschung besaß kein Monopol auf die Unternehmensgeschichtsschreibung. Die Bücher wurden von akademischen Wissenschaftlern, Journalisten und Unternehmenspraktikern verfasst (Veröffentlichungen von Frauen sind mir nicht bekannt). Toni Pierenkemper datiert die beginnende Verwissenschaftlichung der Unternehmensgeschichte in Deutschland auf das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert, als Nationalökonomen (Richard Ehrenberg oder Oskar Stillich), Technikhistoriker (Conrad Matschoß) oder Archivare (Alexander Bergengrün) wissenschaftlich gestützte Studien veröffentlichten und erste Unternehmensarchive entstanden (Krupp, 1905; Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv Köln, 1906). Der Großteil der Publikationen entfiel jedoch auf oft von apologetischen Autoren verfasste unternehmensfinanzierte Festschriften.
Erst in der Bundesrepublik entwickelte Unternehmensgeschichte die Konturen eines akademischen Felds. Ein wesentlicher Schritt war die Gründung der Zeitschrift „Tradition. Zeitschrift für Firmengeschichte und Unternehmerbiographie“ im Jahr 1954. Doch während in den Geschichtswissenschaften und der Wirtschaftsgeschichte herkömmliche Methoden auf den Prüfstand gestellt und neue theoretische Ansätze gesucht wurden (siehe oben), blieb die „Tradition“ und die dort erscheinenden Aufsätze bis zur Umbenennung der Zeitschrift in Zeitschrift für Unternehmensgeschichte im Jahr 1976 beim Bruckner-Verlag in einer positivistischen Perspektive verwurzelt. Zwar wurde die mangelnde theoretische Einbettung und methodische Reflexion der Unternehmensgeschichte bereits damals beklagt, doch wurden diese Einwände kaum aufgenommen.8 Für eine akademische Institutionalisierung fehlte daher die wissenschaftliche Anschlussfähigkeit.
Die Gründung der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte e.V. (GUG) im Jahr 1976 und der Zeitschrift für Unternehmensgeschichte (ZUG, 1977), in welche die Tradition überführt und beim Steiner-Verlag ediert wurde, erfolgte vor dem Hintergrund der zunehmend sozialhistorischen Orientierung der Geschichtswissenschaften.
Die von Unternehmen und Wissenschaftlern (vor allem den Herausgebern der Tradition) gegründete GUG wollte damals in den gesellschaftlichen Diskurs eingreifen, um „die Rolle des Unternehmertums politisch zu stärken“.9 Sie diente jedoch auch der Institutionalisierung der Unternehmensgeschichte, indem sie dem Forschungsfeld einen organisatorischen Rahmen schuf. Zwar konnten bis Anfang der 1990er Jahre nur Unternehmen Mitglied der GUG werden, die dabei aber einen „wissenschaftlicher Beirat“ mit ausgewählten Professoren etablierte; auch die Herausgeber der ZUG waren Professoren. Die ZUG und regelmäßige vom wissenschaftlichen Beirat und der Geschäftsführung organisierte wissenschaftliche Symposien und Vortragsveranstaltungen förderten die fachwissenschaftliche Kommunikation und halfen, das Forschungsfeld zu definieren, zumal viele Vorträge in der Reihe „Zeitschrift für Unternehmensgeschichte. Beihefte“ (1977-1996), seit 1996 Schriftenreihe der ZUG, veröffentlicht wurden. Thematisch erfolgte eine allmähliche Öffnung im Sinne einer Einbettung der Unternehmen in Wirtschaft und Gesellschaft, methodisch wurden zögerlich sozialhistorische Ansätze aufgenommen.10
In vielen Staaten war Unternehmensgeschichte/Business History in den 1980er Jahren als Forschungsfeld mit einem spezifischen Forschungsgegenstand (Unternehmen und Unternehmer:innen in der Geschichte und deren Einbettung in Wirtschaft und Gesellschaft) etabliert. In den USA, Großbritannien, der Bundesrepublik und Japan gab es entsprechende Fachzeitschriften, wissenschaftliche Konferenzen und Organisationen, die der Kommunikation und der Organisation des Feldes dienten.11 Die Integration in die universitäre Ausbildung war in den USA und Japan stärker ausgeprägt als in Europa. Methodisch dominierte die Analyse archivalischer Quellen, sozialgeschichtliche Ansätze wurden seit den 1970er Jahren aufgenommen und zunehmend Themen aus dem Bereich des International Business (z.B. ausländische Direktinvestitionen und Multinational Corporations) aufgegriffen. Die akademische „Selbstreproduktion“ durch Studiengänge und Professuren blieb jedoch an größere Disziplinen wie Geschichtswissenschaften und Wirtschaftsgeschichte gebunden.
Tabelle 1: Unternehmensgeschichte in den USA, Großbritannien, der Bundesrepublik und Japan. Eine schematische Übersicht (1920er-1980er Jahre)
| USA | Grossbritannien | Deutschland | Japan | ||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Institutionalisierung seit | 1920er/30er (HBS) | 1950er | 1950er | 1950er | |||||
| Zentrale Zeitschrift seit | Business History Review 1926/1954 | Business History 1958 | Tradition 1956-76 ZUG 1976 | Japan Business History Review 1966 | |||||
| Konferenzen seit | Business History Conference 1954 | ABH Conference 1991 | keine grosse eigene Konferenz | ??? | |||||
| Organisationen seit | The Business History Conference 1954 | Association of BusiÂness Historians 1990 | GUG 1976 AKKU 1989 | Business History Society of Japan 1964 | |||||
| Schwerpunkte | Chandlerian paradigm (Großunternehmen, Management) | vielfaeltig, oft Fokus auf Industrie, Arbeit, Regionen | vielfaeltig, oft „UnterÂnehmensbiographien“ Verbindungen zur Sozialgeschichte | Grossunternehmen | |||||
| uebergeordnete Disziplin | Business Administration Wirtschaftsgeschichte | Wirtschafts- und Sozialgeschichte | Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Wirtschaftsgeschichte | Geschichte Wirtschaftsgeschichte | |||||
Quelle: Eigene Zusammenstellung, AR.
Das Interesse an Unternehmensgeschichte nahm in den 1980er Jahren überall in Westeuropa deutlich zu. Unternehmenshistoriker:innen begannen, sich auch international zu vernetzen. Die Gründung der European Business History Association (EBHA) im Jahr 1994 markiert diese Entwicklung. In Deutschland entstand 1989 in Bochum eine zweite wissenschaftliche Gesellschaft, der Arbeitskreis für Unternehmens und Industriegeschichte e.V. (AKKU), der sich als Gegenentwurf zur GUG verstand. AKKU war als Netzwerk unternehmenshistorisch arbeitender Wissenschaftler:innen, Archivar:innen und Studierenden konzipiert, nicht von Unternehmen. Explizit wurde die Kooperation mit sozialwissenschaftlichen Disziplinen (Ökonomie, Soziologie, Politikwissenschaften) gesucht und theoretisch-methodische Fragen der Unternehmensgeschichte diskutiert.12
In den 1990er Jahren wurde die Unternehmensgeschichte „kritischer“. Deutsche Unternehmen und ihr Verhältnis zu ihrer Vergangenheit im Nationalsozialismus sowie ihre historische Selbstdarstellung wurden nun in der Öffentlichkeit kritisch beobachtet. Im Besonderen traf dies auf die von der Daimler-Benz AG beauftragte GUG-Studie zur Geschichte des Unternehmens von 1933 bis 1945 zu.13 Volker Hentschel befand, das Buch lasse mit Blick auf die Zwangsarbeit und die politische Involvierung führender Manager, „sachliche und methodische Wünsche offen“ und erfordere die „wissenschaftliche [...] Diskussion mancher seiner Interpretationen“.14 Als Reaktion auf die Kritik erschien einige Jahre später die bislang umfangreichste und sorgfältigste Zwangsarbeiterdokumentation eines deutschen Unternehmens, erarbeitet durch ein Team der GUG.15
Deutsche Großunternehmen erlebten in den 1990er Jahren, dass ihre Vergangenheit sie mit erheblichen finanziellen Folgen einholen konnte. So forderte die Jewish Claims Conference Anfang der 1990er finanzielle Entschädigung für vom NS-Regime verfolgte und ermordete Juden und Jüdinnen ein, als die Degussa (deren Tochter Degusch das berüchtigte, im Vernichtungslager Auschwitz eingesetzte Zyklon B produziert hatte) und die Deutsche Bank (die an „Arisierungen“ beteiligt war) am New York Stock Exchange gelistet werden wollten.
Zudem hatte sich ein Wandel im Management der Unternehmen vollzogen. Die jüngere Managergeneration fühlte sich ihren Vorgängern gegenüber nicht mehr verantwortlich. Sie begriff vielmehr, sich mit der Rolle ihres Unternehmens im Nationalsozialismus auseinandersetzen zu müssen. Viele beauftragten renommierte Historiker und Wirtschaftshistoriker damit, wissenschaftlich solide Studien zu erstellen und zu veröffentlichen.16 Die GUG öffnete den Verein nun für Wissenschaftler*innen und führte eine Änderung der Geschäftsführung herbei, in deren Folge sich das inhaltliche Profil veränderte. Eigene Arbeitskreise für Banken-, Versicherungs- und Verkehrsgeschichte sowie zur Frage der Rolle der Unternehmen und Unternehmer im Nationalsozialismus wurden eingerichtet;17 vor allem aber veranstaltete sie 1997 ein wissenschaftliches Symposium zur Rolle der Unternehmen im Nationalsozialismus, das von Wissenschaft und Öffentlichkeit weit beachtetet und ausgesprochen positiv aufgenommen wurde, da hier unabhängige wissenschaftliche Ergebnisse vorgestellt wurden.
An deutschen Hochschulen entstanden, nachdem in den 1970er und 80er Jahren lediglich einzelne Arbeiten dem Feld zugerechnet werden können, vermehrt unternehmenshistorische Dissertationen und Habilitationen (in den Geschichtswissenschaften oder der Wirtschafts- und Sozialgeschichte) und Unternehmensgeschichte wurde immer mehr zu einem normalen Bestandteil der universitären Forschung. Auch geschichtswissenschaftliche Zeitschriften veröffentlichten nun über den Stand der Unternehmensgeschichte.18
Am Beginn des 21. Jahrhunderts verstanden sich GUG und AKKU nicht mehr vorwiegend als konkurrierende Organisationen. Gemeinsam veranstalteten sie 2001 eine Tagung zur deutschen „Wirtschaftselite im 20. Jahrhundert“,19 2005 richteten sie in Frankfurt am Main die Konferenz der EBHA aus. Mehrere langjährige AKKU-Mitglieder und ehemalige AKKU-Vorstandsmitglieder wurden seither in den wissenschaftlichen Beirat der GUG und den Herausgeberkreis der ZUG aufgenommen. Doch trotz der institutionellen Veränderungen und der zunehmenden Aufmerksamkeit für die Unternehmensgeschichte brach zur Jahrtausendwende eine Kontroverse über deren wissenschaftlichen Standort und akademische Einbindung los. Sie wird im Folgenden kurz präsentiert um anschließend die Frage nach der akademischen Disziplin systematisch zu diskutieren.

Die Kontroverse um den wissenschaftlichen Standort der Unternehmensgeschichte
Toni Pierenkemper, Lehrstuhlinhaber für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität zu Köln und damals stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftlichen Berats der GUG postulierte in einem 1999 in der ZUG veröffentlichen Beitrag, die „Entschlüsselung der ökonomischen Logik unternehmerischen Handelns“ sei das „Wesentliche“ der Unternehmensforschung und die „Hauptaufgabe der modernen Unternehmensgeschichte“ bestehe darin, „mit den Methoden der Ökonomik den inneren Handlungszusammenhang des Unternehmers im Unternehmen selbst“ und erst auf dieser Grundlage „sein Handeln in anderen gesellschaftlichen Subsystemen zu untersuchen“. Zugleich beschrieb er Unternehmen als „soziale Organisationen“, die „auf Änderungen der wirtschaftlichen, technischen und politisch-sozialen Umwelt“ reagierten.20 Mit der methodischen Orientierung auf die Betriebswirtschaftslehre sowie der wissenschaftlichen Öffentlichkeit als Hauptadressat der Unternehmensgeschichte provozierte Pierenkemper eine Kontroverse, die bald auch deren institutionelle Einbindung betraf.
In der folgenden Ausgabe der ZUG kritisierte Manfred Pohl, damals Leiter des Historischen Instituts der Deutschen Bank und damals Schatzmeister der GUG, man verliere mit Pierenkempers Ansätzen die „Komplexität des Unternehmens und die Verschränktheit von Ökonomie, Kultur, Politik und Gesellschaft aus dem Blick“. Unternehmensgeschichte müsse sich „um die Darstellung übergreifender Zusammenhänge bemühen, in deren Mittelpunkt der Mensch steht, als Unternehmer, Manager, Arbeiter und Angestellter, decision-maker, Mäzen, Bürger oder gar Politiker.“21 Pohl wollte auch zwischen Forschung und Vermittlung an eine weitere Öffentlichkeit nicht stark trennen, nicht nur „theoriegeleitete Forschung“, auch „narrative Unternehmensgeschichte“ solle akzeptiert werden. Schließlich verortete er die „Unternehmensgeschichte“ in erster Linie in den Geschichtswissenschaften und befand: „Die Unternehmensgeschichte ist eine viel zu wichtige Disziplin, um sie allein den Wirtschaftshistorikern zu überlassen.“22 Deshalb sollten besondere Lehrstühle für Unternehmensgeschichte eigerichtet werden.
In seiner Replik begrüßte Pierenkemper, dass aus verschiedenen Perspektiven unternehmenshistorische Forschung betrieben werde, beklagte aber, die ökonomische Analyse komme noch immer zu oft zu kurz. Er fragte, was „voluminöse Bücher über ein Unternehmen“ nützten, wenn man nicht erfahre, „womit es eigentlich sein Geld verdient?“.23 Er bekräftigte und pointierte seine Position somit und ging auch auf die Frage der institutionellen Anbindung ein. Grundsätzlich hielt er eine stärkere universitäre Verankerung der Unternehmensgeschichte durch Umbenennung bestehender Lehrstühle für möglich und „die Errichtung eines Stiftungslehrstuhls“ an einer wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, weil dort die besten Kooperations- und Entwicklungsmöglichkeiten bestünden. Peter Borscheid, einer der damaligen Herausgeber der ZUG, unterstrich Pierenkempers Position in einem abschließenden Debattenbeitrag: „Vieles von dem, was unter der Marke „Unternehmensgeschichte“ auf den Markt kommt, ist im Grunde Politik-, Kunst- oder Sozialgeschichte“, die sich nicht mit dem „ökonomischen Kern“ des Unternehmens beschäftige. Dieser sei durch das Instrumentarium der Neuen Institutionenökonomie am besten zu erfassen. Dennoch begrüßte Borscheid solche „Blickerweiterungen“ ausdrücklich, zumal im Prinzip jede:r Wissenschaftler:in über die Geschichte von Unternehmen schreiben könne.24
Rückblickend dienten die Interventionen von Pierenkemper und Pohl vornehmlich der akademischen Zuordnung der Unternehmensgeschichte und ihrer disziplinären Abgrenzung. Sie zielten auch darauf, unternehmenshistorische Lehrstühle einzurichten, da in den Jahren zuvor sowohl an wirtschaftswissenschaftlichen wie philosophischen Fakultäten viele wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Professuren nicht wiederbesetzt, umgewidmet oder gestrichen worden waren. Mit einem unternehmenshistorischen Profil, glaubten beide, könne man Hochschulen angesichts des inhaltlichen Potentials und des öffentlichen Interesses davon überzeugen, freiwerdende Professuren in die Unternehmensgeschichte zu lenken. Pierenkemper setzte auf wirtschaftswissenschaftliche, Pohl auf philosophische Fakultäten. Doch diese disziplinären Abgrenzungsversuche (und die Definition einer Disziplin über Methoden) waren nicht hilfreich. Ich komme auf diesen Aspekt zurück.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erschienen die ersten beiden Lehrbücher zur Unternehmensgeschichte; eines nahm betriebswirtschaftliche Funktionen und Herausforderungen, das andere die gesellschaftliche Einbettung der Unternehmen zum Ausgangspunkt.25 Sie betonten unterschiedliche, aber sich nicht ausschließende Perspektiven, die seither in der Unternehmensgeschichte verwendet werden. Schaut man auf die Akteure, so haben viele Unternehmenshistoriker:innen eine primär geschichtswissenschaftliche Ausbildung. Methodisch ist die unternehmenshistorische Forschung tief in den Geschichtswissenschaften verwurzelt; auch Pierenkemper bestand auf Quellenkritik und Kontextualisierung, weniger jedoch auf narrativer Analyse. Für das Verständnis unternehmerischer Entscheidungen, Organisationsstrukturen und Marktmechanismen verwendet sie typischerweise ökonomische Konzepte (z.B. Transaktionskostentheorie, principal-agent-Ansatz, strategisches Management); soziologische Ansätze und rechtswissenschaftliche Aspekte spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.
Unternehmensgeschichte als inter- und transdisziplinäres Forschungsfeld
In den vergangenen 20 Jahren haben viele unternehmenshistorische Dissertationen und Überblicke auf die skizzierte Debatte verwiesen, ohne dass sich ein einheitliches Paradigma (Fragestellungen, Methoden und Wissensbestände) durchgesetzt hätte, lediglich der Gegenstandbereich ist relativ klar abgegrenzt. Unternehmen werden als ökonomische, gesellschaftliche, kulturelle und politische Phänomene verstanden, die nicht auf einen Aspekt reduziert werden können. Theoretische Ansätze und Methoden werden entsprechend dem wissenschaftlichen Interesse gewählt, wenngleich in der Praxis viele Arbeiten Konzepte der Neuen Institutionenökonomie mit der Auswertung historischer Quellen verbinden.26 Sofern Pierenkempers Forderung, Unternehmen mit den Methoden der Ökonomik zu analysieren, aufgegriffen wird, dient dies der Reduzierung von Komplexität und der Beantwortung der Forschungsfragen, nicht der Definition der Unternehmensgeschichte durch eine spezifische Methode. Der „ökonomische Kern“ des Unternehmens wird zumeist als Metapher begriffen, nicht als thematische Verengung des Forschungsgegenstands, sondern als eine die Handlungslogik der im Unternehmen tätigen Akteure mitbestimmende Restriktion. So erscheinen Unternehmen als wirtschaftlich motivierte Marktakteure „in steter Interaktion […] mit anderen Marktteilnehmern [… und] einer gesellschaftlichen und politischen Umwelt“, die sie durch Produkte und Dienstleistungen sowie politisches Wirken aktiv mitgestalten.27 Auch wird nicht a priori angenommen, dass Unternehmen einer einheitlichen Logik folgen, sondern sie werden als soziale und funktionale Organisationen begriffen, in denen Interessen ausgehandelt und Konflikte ausgetragen werden, die sich nicht auf ökonomische Fragen reduzieren lassen, zugleich sind sie mit der Anforderung konfrontiert sich ökonomisch zumindest als überlebensfähig zu erweisen.28

In einer institutionellen Perspektive hat sich seit Ende der 1990er Jahre wenig verändert: (1.) Es gibt jährliche internationale Tagungen wie den Kongress der EBHA, die Business History Conference und jedes dritte Jahr den World Congress of Business History; in Deutschland finden Unternehmenshistoriker:innen auf den Veranstaltungen der GUG und dem Kongress für Wirtschafts- und Sozialgeschichte zusammen, der jedes dritte Jahr durchgeführt wird. (2.) Einige angesehene wissenschaftliche Zeitschriften sind seit Jahrzehnten fest etabliert (Business History, Business History Revue, Entreprise et Histoire, Enterprise & Society, Japan Business History Review und die deutsche, aber auch englische Beiträge veröffentlichende ZUG); in ihnen veröffentlichen Autor:innen unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen und Subdisziplinen.29 (3.) Mit der GUG und AKKU existieren in Deutschland zwei akademische Gesellschaften; wobei AKKU vor allem von jungen Akademikern getragen wird. (4.) Mit Blick auf die Inklusion in die „Rollen, in denen man aktiv an der Produktion und Publikation von wissenschaftlichen Erkenntnissen beteiligt ist“,30 wie Mitgliedschaft und Funktion in akademischen Organisationen, Beteilung an Konferenzen, Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften und Schriftenreihen oder die Herausgeberschaft von Periodika, sind diese Rollen Akademiker:innen mit unterschiedlichen disziplinären Hintergründen zugänglich einschließlich solchen, die nicht an einer Hochschule beschäftigt sind. (5.) Da es keine eigenen Studiengänge, sondern nur spezialisierte Lehrangebote im Rahmen von Geschichts- oder Wirtschaftsstudiengängen gibt, sind die Zugänge zur unternehmenshistorischen Forschung. Unternehmenshistorisch fokussierte Abschlussarbeiten und Dissertationen werden beispielsweise in den Studiengängen „Geschichte“, „Wirtschaftsgeschichte“ oder «Wirtschafts- und Sozialgeschichte“ verfasst. (6.) Karrierechancen für Wissenschaftler:innen, die sich primär als Unternehmenshistoriker:innen identifizieren, sind begrenzt. International nahm die Zahl entsprechender Professuren an den Business Schools seit 2000 zu; hier etablierten sich vielfach Centers for Business History mit mehreren Professuren,31 doch werden dort seit etwa zehn Jahren eher Stellen reduziert als neu geschaffen. An den deutschen Universitäten wird Unternehmensgeschichte weiterhin vorwiegend von Professuren für Wirtschafts- und Sozialgeschichte oder für Wirtschaftsgeschichte abgedeckt. Nur drei Lehrstühle trugen einige Jahre «Unternehmensgeschichte“ im Namen;32 eine ausschließlich der Unternehmensgeschichte gewidmete Professur wurde erstmals 2019 mit der Ferry-Porsche-Stiftungsprofessur für Unternehmensgeschichte am Historischen Institut der Universität Stuttgart eingerichtet.
Den eingangs skizzierten Kriterien einer akademischen Disziplin entspricht Unternehmensgeschichte nur ansatzweise. Vor allem fehlen die spezifische akademische Ausbildung sowie die akademische und institutionelle Selbstreproduktion. Unterschiedliche nationale Wissenschaftskulturen, theoretische Vielfalt und Methodenpluralismus, sowie eine fast unbegrenzte Zahl möglicher Fragestellungen prägen das Feld ebenso wie die institutionelle Anbindung an verschiedene Mutterdisziplinen. Handelt es sich bereits bei der Wirtschaftsgeschichte um eine Subdisziplin, die inhaltlich und organisatorisch in zwei Disziplinen verwurzelt und institutionell eingebunden ist, so ist die Unternehmensgeschichte noch weniger eindeutig platziert und institutionell an den Hochschulen abgesichert.
Unternehmensgeschichte hat sich seit den 1950er Jahren aus den Geschichtswissenschaften und der Wirtschaftsgeschichte und in Auseinandersetzung mit den Wirtschaftswissenschaften zu einem Forschungsfeld entwickelt, das einige Kennzeichen einer eigenständigen Disziplin trägt. Doch erachte ich die unvollkommene Entwicklung zu einer eigenen akademischen Disziplin nicht als Defizit, sondern aufgrund der multidisziplinären Wurzeln und aus inhaltlichen Gründen als ein wesentliches Charakteristikum. Der Prozess der Ausdifferenzierung der Unternehmensgeschichte brachte ein interdisziplinäres Forschungsfeld innerhalb eines größeren Netzwerks der wissenschaftlichen Kommunikation hervor. Dieses Feld besitzt heute einen hohen Grad an Eigenständigkeit (Organisationen, Konferenzen, Zeitschriften, und einen relativ klar bestimmten Gegenstand, akademische Preise, wenngleich kaum in Deutschland, eigene Professuren). Schaut man auf das Programm der Konferenzen und die Autoren:innen der Beiträge in wissenschaftlichen Zeitschriften, sieht man eine erfreuliche multi-disziplinäre Vielfalt. Aufgrund der Methoden- und Theorievielfalt und ihrer inhaltlichen Breite trägt die unternehmenshistorische Forschung transdisziplinäre Charakteristika.33
Diese Inter- und Transdisziplinarität zählen zu den konstitutiven und produktiven Merkmalen der Unternehmensgeschichte. Dies betrifft die Ausbildung, akademische Postionierung und die Frage, wer auf diesem Forschungsfeld aktiv ist. Ihre intellektuelle Vitalität und Fähigkeit, komplexe historische Phänomene zu erklären, beruhen gerade auf ihrer Offenheit und dem Austausch mit anderen Disziplinen. So haben Unternehmenshistoriker:innen in den vergangenen Jahren mittels Konferenzen, Tagungen und Special Issues ihrer Zeitschriften die Schnittstellen mit anderen Feldern wie Entrepreneurship, Gender History, Konsumgeschichte, Kulturgeschichte, Management oder Umweltgeschichte aufsucht, weil die „Grenzen“ zu diesen benachbarten Feldern oder zu Subdisziplinen wie Technikgeschichte oder Sozialgeschichte fließend und thematisch überlappend sind, und weil unternehmenshistorische Forschung zunehmend problemorientiert arbeitet und daher flexibel auf Theorien, Methoden und Erkenntnisse verschiedener Disziplinen zurückgreifen muss.
Die gesellschaftliche Öffentlichkeit erwartet von der Wissenschaft signifikante Beiträge zur Bearbeitung und Bewältigung der “Probleme“ von heute, wie zum Beispiel Klimawandel, Ungleichheit, Migration oder Pandemien. Wenn Unternehmensgeschichte ernstzunehmende Beiträge leisten will, dürften Versuche, sie kategorisch als eigenständige Disziplin abzugrenzen, nicht hilfreich sein. Unternehmensgeschichte sollte sich selbstbewusst als ein offenes und dynamisches inter- und transdisziplinäres Forschungsfeld darstellen, das nicht im Widerspruch zur Existenz von Disziplinen steht, sondern eine zeitgemäße Weiterentwicklung und Vernetzung innerhalb des Wissenschaftssystem darstellt und Wissenschaftler:innen aus vielen wissenschaftlichen Disziplinen und Subdisziplinen in ihre Kommunikationsstrukturen einladen. Wegen der Bedeutung von Unternehmen für die Gesellschaft und das tägliche Leben der meisten Menschen erscheint es freilich auch notwendig dieses Feld durch unternehmenshistorische Professuren (innerhalb verschiedener Disziplinen) und Studiengänge, die Unternehmensgeschichte systematisch und umfassend integrieren, institutionell zu stärken. Allerdings läuft der Trend in den letzten Jahren leider völlig in die falsche Richtung, insofern etliche prominente wirtschaftshistorische Lehrstühle nicht nachbesetzt wurden.
Literaturliste
Referenzen
1 Nina Kleinöder u.a., Einleitung, in: Nina Kleinöder u.a. (Hrsg.), Neue Perspektiven der Unternehmensgeschichte, Paderborn 2024, VII-XVIII, hier XI.
2 Vgl. Harm G. Schröter, Die Institutionalisierung der Unternehmensgeschichte im deutschen Sprachraum, in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 1 (2000), 30-48; Toni Pierenkemper, Unternehmensgeschichte. Eine Einführung in ihre Methoden und Ergebnisse, Stuttgart 2000, 28-63.
3 Rudolf Stichweh, Zur Entstehung des modernen Systems wissenschaftlicher Disziplinen: Physik in Deutschland 1740-1890, Frankfurt a.M. 1984; Ders., Systemtheorie und Geschichte, in: Frank Welz/Uwe Weisenbacher (Hrsg.), Soziologische Theorie und Geschichte, Wiesbaden 1998, 68-79; Ders., Scientific Disciplines, History of [hier fehlt glaube ich noch etwas], in: Neil J. Smelser/Paul B. Baltes (Hrsg.), International Encyclopedia of the Social & Behavioral Sciences, Oxford 2001, 13727-13731.
4 Geoffrey Jones/Jonathan Zeitlin, Introduction, Oxford 2008, 1-6, hier 1.
5 «Bulletin of the Business Historical Society» https://catalog.hathitrust.org/Record/000525841 [letzter Zugriff 22.8.2025].
6 Fritz Redlich, American Business History, in: Vierteljahrschrift für Sozial-und Wirtschaftsgeschichte 3 (1949), 247-259; Pierenkemper, Unternehmensgeschichte, 40-50.
7 Ders., Unternehmensgeschichte, 28-37; Schröter, Die Institutionalisierung der Unternehmensgeschichte.
8 Hans Jaeger, Gegenwart und Zukunft der historischen Unternehmensforschung, in: Tradition. Zeitschrift für Firmengeschichte und Unternehmerbiographie (1972), 107-124; Reinhard Hanf, Mangelnde methodische Konzepte im Bereich der Betriebs- und Firmengeschichte?, in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 3 (1977), 145-160.
9 Schröter, Die Institutionalisierung der Unternehmensgeschichte, 39.
10 Hans Jaeger, Neue Wege der historischen Unternehmensforschung, in: Geschichte und Gesellschaft 4 (1982), 554-563.
11 In Frankreich, Spanien und Italien waren die Institutionalisierungsprozesse damals fragil. Z.B. erschien 1959 in Frankreich eine erste unternehmenshistorische Zeitschrift, doch 1969 wurde sie eingestellt («Entreprises et Histoire» ist seit 1991 fest etabliert). In Spanien blieb das Feld institutionell in die Wirtschaftsgeschichte eingebunden. Zur Schweiz und Österreich vgl. Schröter, Die Institutionalisierung der Unternehmensgeschichte.
12 Christian Kleinschmidt, Festvortrag „20 Jahre AKKU“, in: Akkumulation (2010), 1-6; Werner Plumpe, Vom hässlichen Entlein zum Stolzen Schwan? 40 Jahre Gesellschaft für Unternehmensgeschichte und der Wandel der Unternehmensgeschichtsschreibung, (2016), https://unternehmensgeschichte.de/files/2/Vom%20h%C3%A4sslichen%20Entlein.%2040%20Jahre%20GUG.pdf [letzter Zugriff 22.8.2025]; Schröter, Die Institutionalisierung der Unternehmensgeschichte, 38.
13 Hans Pohl u.a., Die Daimler-Benz AG in den Jahren 1933 bis 1945. Eine Dokumentation, Stuttgart 1986; Toni Pierenkemper, Was kann eine moderne Unternehmensgeschichtsschreibung leisten? Und was sollte sie tunlichst vermeiden, in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 1 (1999), 15-31, hier 29-31.
14 Volker Hentschel, Daimler-Benz im Dritten Reich. Zu Inhalt und Methode zweier Bücher zum gleichen Thema, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 1 (1988), 74-100, hier 97.
15 Barbara Hopmann u.a., Zwangsarbeit bei Daimler-Benz, Stuttgart 1994.
16 Ralf Banken, Vom „Verschweigen“ über die „Sonderkonjunktur“ hin zur „Normalität“? Der Nationalsozialismus in der Unternehmensgeschichte der Bundesrepublik, Zeitgeschichte-online (2012), https://zeitgeschichte-online.de/themen/vom-verschweigen-uber-die-sonderkonjunktur-hin-zur-normalitat [letzter Zugriff 22.8.2025]; Norbert Frei/Tim Schanetzky (Hrsg.), Unternehmen im Nationalsozialismus. Zur Historisierung einer Forschungskonjunktur, Göttingen 2010.
17 Schröter, Die Institutionalisierung der Unternehmensgeschichte, 40-41.
18 Paul Erker, Aufbruch zu neuen Paradigmen. Unternehmensgeschichte zwischen sozialgeschichtlicher und betriebswirtschaftlicher Erweiterung, in: Archiv für Sozialgeschichte (1997), 321-365.
19 Plumpe, Vom hässlichen Entlein zum Stolzen Schwan? [letzter Zugriff 22.8.2025].
20 Pierenkemper, Was kann eine moderne Unternehmensgeschichtsschreibung leisten?, 21 und 22.
21 Manfred Pohl, Zwischen Weihrauch und Wissenschaft? Zum Standort der modernen Unternehmensgeschichte: Eine Replik auf Toni Pierenkemper, in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 2 (1999), 150-163, hier 154.
22 Ebd., 160.
23 Toni Pierenkemper, Sechs Thesen zum gegenwärtigen Stand der deutschen Unternehmensgeschichtsschreibung: Eine Entgegnung auf Manfred Pohl, in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 2 (2000), 158-166, hier 162 und 165.
24 Peter Borscheid, Der ökonomische Kern der Unternehmensgeschichte, in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 1 (2001), 5-10, hier 9f.
25 Pierenkemper, Unternehmensgeschichte; Hartmut Berghoff, Moderne Unternehmensgeschichte: eine themen-und theorieorientierte Einführung, Paderborn 2004.
26 Vgl. Erker, Aufbruch zu neuen Paradigmen; Ders., „A New Business History”? Neuere Ansätze und Entwicklungen in der Unternehmensgeschichte, in: Archiv für Sozialgeschichte (2002), 557-604; Ders., „Externalisierungsmaschine“ oder „Lizenznehmer der Gesellschaft"? Trends, Themen und Theorien in der jüngsten Unternehmens, in: Archiv für Sozialgeschichte (2006), 605-658; Ralf Ahrens, Unternehmensgeschichte, Potsdam (2019), https://doi.org/10.14765/zzf.dok-1704.
27 Zitat: Ahrens, Unternehmensgeschichte; Hartumt Berghoff, Wozu Unternehmensgeschichte? Erkenntnisinteressen, Forschungsansätze und Perspektiven des Faches, in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 2 (2004), 131-148.
28 Werner Plumpe, Unternehmen, in: Gerold Ambrosius u.a. (Hrsg.), Moderne Wirtschaftsgeschichte: eine Einführung für Historiker und Ökonomen, München ²2006, 61-94; vgl. auch Isabel Heinemann/Alfred Reckendrees, Geschlechtslose Unternehmensgeschichte? Die frustrierende Ausblendung von Gender aus der Unternehmensgeschichte, in: Nina Kleinöder u.a. (Hrsg.), Neue Perspektiven der Unternehmensgeschichte, Paderborn 2024, 151-184.
29 Vgl. für Business History: Stephanie Decker u.a., Taking stock and moving forward: What makes a contribution in business history?, in: Business History 8 (2024), 1923-1938.
30 Rudolf Stichweh, Disziplinarität, Interdisziplinarität, Transdisziplinarität—Strukturwandel des Wissenschaftssystems (1750-2020), in: Tobias Schmohl/Thorsten Philipp (Hrsg.), Handbuch Transdisziplinäre Didaktik, Bielefeld 2021, 433-448, hier 445.
31 Siehe den Eintrag „Unternehmensgeschichte in der Business School: Interdisziplinäre Begegnungen und Institutionelle Herausforderungen“ von Christina Lubinski.
32 Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte (Universität Nürnberg-Erlangen 1990-2010); Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte (Universität Bochum 2003-2024; Universität zu Köln 2009-2013).
33 Zu den Begriffen Stichweh, Disziplinarität, Interdisziplinarität, Transdisziplinarität.