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Unternehmensgeschichte in der Business School - Interdisziplinäre Begegnungen und institutionelle Herausforderungen

Christina Lubinski // Version 1 //
english abstract: History in the Business School: Interdisciplinary Encounters and Institutional Challenges This entry explores the evolving role of business history in business schools worldwide. While in Germany management education and business history are largely separated, business history has gained prominence in business schools elsewhere, supported by the so-called “historic turn” in management and organization studies. The entry identifies key intellectual contributions of history for business school research, including deep contextualization, nuanced understandings of time and temporality, and a focus on change and transformation. It showcases the variety of institutional settings for history in business schools, critiques history’s selective reception, and outlines the opportunities and constraints for historians that derive from it. The entry finds that business history’s analytical focus on context, time, and transformation enables critical engagement with dominant narratives of capitalism and entrepreneurship, which are central to contemporary business school research and education. Ultimately, business history emerges as a productive, yet at times tension-filled interlocutor in redefining the mission and ethics of the business school.
Unternehmensgeschichte ist heute ein unverzichtbarer Bestandteil vieler Business Schools. Sie gehört in zahlreichen Ländern fest zur Forschung und Lehre, auch wenn ihre institutionelle Verankerung international sehr unterschiedlich gehandhabt wird. Während deutsche Universitäten Geschichte und unternehmerische Ausbildung weitgehend getrennt behandeln, sind Business Schools in den USA, Großbritannien und Teilen Europas und Asiens zu einer zentralen Plattform für unternehmenshistorische Forschung und Lehre geworden.1

Dieser Eintrag beleuchtet die Entstehung, Entwicklung und aktuelle Rolle der Unternehmensgeschichte in internationalen Business Schools und diskutiert Stärken, Schwächen und Zukunftsperspektiven dieser disziplinübergreifenden Verflechtung. Im Fokus stehen die historische Wende (“the historic turn”) in Management und Organisationstheorie, der strategische und ethische Umgang mit der Vergangenheit in Wirtschaft und Unternehmen und die Rolle von Geschichtsbewusstsein in der Lehre.

Die historische Wende


Die Integration historischer Ansätze in die internationale Wirtschafts- und Unternehmensausbildung ist Teil eines breiteren Trends in Business Schools, der als „“historische Wende“” (“historic turn”) bekannt geworden ist. Dieser Trend, der sich in den 1990er und 2000er Jahren zunehmend etablierte, betont die Bedeutung von Geschichte für das Verständnis dynamischer Prozesse in Wirtschaft und Organisationen.2 Wichtige Impulse gingen dabei von Historiker:innen an Business Schools aus, deren interdisziplinäre Ausbildung es ihnen ermöglichte, Brücken zwischen Geschichte und Betriebswirtschaftslehre zu schlagen. Gleichzeitig engagierten sie sich für die klare Artikulierung von historischen Methoden, die für den wachsenden interdisziplinären Dialog unerlässlich war.3 Diese zwei Prozesse sorgten für eine langfristige institutionelle Integration der Unternehmensgeschichte in die Business School.  

Ein wichtiger Katalysator dieser Bewegung waren Special Issues führender Fachzeitschriften, die seit 2004 regelmäßig von Historiker:iInnen als Gast-Herausgeber:iInnen organisiert und publiziert wurden (Ffür einen Überblick, siehe Tabelle 1). Diese Sonderhefte belegen, dass historische Methoden und Quellen nicht nur zur Veranschaulichung wirtschaftlicher Dynamiken dienlich sind, sondern auch als erkenntnistheoretisch fundierte Instrumente zur Theoriebildung eingesetzt werden können. Während Geschichtswissenschaft zuvor manchmal als antitheoretisch galt, hat die historische Wende es geschafft, WissenschaftlerInnen Wissenschaftler:innen in den Fachbereichen Betriebs- und Volkswirtschaftslehre, Management, Organisation, Strategie, Internationale Unternehmen, Entrepreneurship und Familienunternehmen sowohl inhaltlich als auch methodologisch in einen Dialog mit Geschichte zu bringen.

Tabelle 1: Sonderhefte mit Schwerpunkt Geschichte in internationalen Management-Zeitschriften (2004-2025)
JournalTitleEditorsYearVolume (Issue)Link
Business History4 History in Organisation StudiesBehlül Üsdiken, Alfred Kieser200446(3){Link1}
Journal of Management Studies5 Moving Forward by Looking Backward: Business History and Management StudiesMary O'Sullivan, Margaret B. W. Graham201047(5){Link2}
Academy of Management Review6 History & Organization StudiesPaul C. Godfrey, John Hassard, Ellen S. O’Connor, Michael Rowlinson, Martin Ruef201641(4){Link3}
Organization Studies7 History as Organizing: Uses of the Past in Organization StudiesR. Daniel Wadhwani, Roy Suddaby, Mads Mordhorst, Andrew Popp201839(12){Link4}
Strategic Management Journal8 History-informed Strategy Research: The Promise of History and Historical Research Methods in Advancing Strategy ScholarshipNicholas S. Argyres, Alfredo De Massis, Nicolai J. Foss, Federico Frattini, Geoffrey Jones, Brian S. Silverman202041(3){Link5}
Journal of Business Ethics9 The Past, History, and Corporate Social ResponsibilityRobert Phillips, Judith Schrempf-Stirling, Christian Stutz2020166(2){Link6}
Strategic Entrepreneurship Journal10 Historical Approaches to Entrepreneurship Research: Investigating Context, Time, and Change in Entrepreneurial ProcessesR. Daniel Wadhwani, David Kirsch, Friederike Welter, William B. Gartner, Geoffrey G. Jones202014(1){Link7}
Academy of Management Learning and Education11 New Times, New Histories of the Business SchoolPatricia Genoe McLaren, Todd Bridgman, Stephen Cummings, Christina Lubinski, Ellen O’Connor, J.-C. Spender and Gabrielle Durepos202120(3){Link8}
Family Business Review12 History-Informed Family Business Research: An Editorial on the Promise of History and Memory WorkRoy Suddaby, Brian S. Silverman, Peter Jaskiewicz, Alfredo De Massis, Evelyn R. Micelotta202336(1){Link9}
Business History13 Humanistic Approaches to Change: Entrepreneurship and TransformationLubinski, ChristinaWadhwani, R. DanielGartner, William B.Rottner, Renee202466(2){Link10}
tbdJournal of Management StudiesHistorical Perspectives on Deglobalization’s: Antecedents, Outcomes, and Managerial ResponsesMarcelo Bucheli,Andrew Smith, Heidi TworekForth-comingtbd
tbdForth-comingStephanie Decker,Geoffrey Jones,Klaus Meyer,Catherine WelchIntegrating Historical Approaches in International Business: Moving Beyond “History Matters”Journal of International Business Studiestbd


Gemeinsam artikulieren diese Sonderausgaben, und insbesondere ihre Einleitungen, die wichtige Rolle der Geschichte für die Business School. Liest man die zehn bisher verfügbaren Einleitungen als ein gemeinsames Manifest, so wird deutlich, dass die Herausgeber:iInnen insbesondere drei Themen als zentrale Beiträge von Unternehmensgeschichte hervorheben: die Kontextualisierung von Unternehmen und wirtschaftlicher Prozesse, ein nuanciertes Verständnis von Zeit und Zeitlichkeit, sowie die Erklärung von historischem Wandel und radikaler Transformation. So zeigen die Autor:iInnen erstens, dass historische Forschung eine tiefere kontextuelle Fundierung für die Theoriebildung ermöglicht.14 Zweitens betonen sie, dass Historiker:iInnen ein differenzierteres Verständnis für die zentrale Rolle von Zeit und Zeitlichkeit vermitteln, indem sie nicht nur Chronologie, sondern auch Zeiterfahrung, Erwartung und Rhythmus in ihre Analyse wirtschaftlicher Phänomene integrieren.15 Drittens, betonen mehrere dieser Beiträge die zentrale Bedeutung der Geschichte für das Verständnis von Wandel und Transformation in Organisationen und Märkten. Aufbauend auf Schumpeter‘schen Ansätzen argumentieren sie für eine historische Perspektive auf gesellschaftlichen, institutionellen und strategischen Wandel.16

Zentrale Themen dieser Sonderausgaben sind (1) die oben beschriebene „historische Wende“, (2) die zielgerichtete Mobilisierung von Vergangenheit in Organisation, auch als „rhetorical history“ oder „uses of the past“ bekannt, (3) die Frage nach dem sinnvollen und disziplingerechten Einsatz historischer Methoden und Quellen, (4) eine Kritik an fehlendem Geschichtsbewusstsein und dessen Folgen für die Gesellschaft, sowie (5) die Diskussion über den Wert von Geschichte für Ethik und Verantwortung (für einen Überblick über diese Themen und ihrer Relevanz für die Business School, siehe Tabelle 2).

Tabelle 2: Zentrale Themen in den Einleitungen der Sonderhefte
ThemaVertreten beiRelevanz für Business-School-Forschungsansätze
Die historische Wende in OrganisationenÜsdiken & Kieser (2004), Godfrey et al. (2016), McLaren et al. (2021)Fördert epistemologische Reflexion und unterstützt Pluralismus in Theorieansätzen und Forschungsparadigmen der Organisationsforschung.
Mobilisierung von VergangenheitWadhwani et al. (2018), Suddaby et al. (2023), Argyres et al. (2019)Zeigt, wie Organisationen aktiv Narrative und kollektive Erinnerungen konstruieren, um Identität, Legitimität und strategische Ziele zu formen.
MethodenintegrationArgyres et al. (2019), Godfrey et al. (2016), Journal of Business Ethics (2020)Regt methodische Innovation an, indem historisches Denken als Komplement zu theoriebasierter, quantitativer oder qualitativer Forschung positioniert wird.
Kritik an kanonischen NarrativenMcLaren et al. (2021), Suddaby et al. (2023), O’Sullivan & Graham (2010)Unterstützt die Diversifizierung von Wissensproduktion in Business Schools, indem dominante und oft ausschließende Geschichtsnarrative hinterfragt werden.
Ethik, Erinnerung und VerantwortungJournal of Business Ethics (2020), Suddaby et al. (2023), Godfrey et al. (2016)Rückt normative Fragestellungen in den Fokus und zeigt, wie historische Analyse zu verantwortungsvollem Management und unternehmerischer Rechenschaft beitragen kann.


Diese historische Wende hat die Geschichtswissenschaften an Business Schools nachhaltig verankert und dabei neue Karrieremöglichkeiten eröffnet, in einer Phase eröffnet, in der historische Fakultäten weltweit mit massiven Stellenkürzungen konfrontiert waren.

Einige der Wegbereiter der historischen Wende brachten im Jahr 2006 eine neue Zeitschrift unter dem Titel Management & Organizational History (MOH) auf den Weg. Diese bietet eine spezialisierte Plattform für wissenschaftliche Beiträge, die historische Ansätze explizit mit Management- und Organisationstheorien verknüpfen. Damit spiegelte sie ein wachsendes Bedürfnis wider, die Dominanz ahistorischer, statischer und kontextloser Modelle im Mainstream-Management zu hinterfragen. MOH positionierte sich an der Schnittstelle von Geschichtswissenschaft und Organisationsforschung und ist heute ein zentrales Forum für interdisziplinäre Debatten, historiografische Reflexionen und die Etablierung historischer Forschung in der Business School.

Institutionelle Verankerung von Geschichte


Die globale Landschaft unternehmenshistorischer Forschung ist von wenigen einflussreichen Standorten geprägt. Forschungen, die von der historischen Wende inspiriert sind, finden vor allem an spezialisierten Fachbereichen statt, die an Business Schools angesiedelt sind oder eng mit ihnen kooperieren. In den USA sind dies insbesondere die Harvard Business School;, die mit der Isidor Straus Professur eine tief verwurzelte Tradition in Unternehmensgeschichte hat,17 sowie das Greif Center for Entrepreneurial Studies an der University of Southern California, wo vor allem historische Perspektiven auf die Unternehmerforschung (Entrepreneurship) im Vordergrund stehen.18 In Großbritannien finden sich das Centre for Business History an der University of Glasgow;19 das Centre for Economic Institutions and Business History an der Henley Business School, University of Reading;20 und das Centre for the Evolution of Global Business and Institutions, ein Forschungszentrum in der School for Business and Society der University of York.21

Weltweit sind Hochburgen der Unternehmensgeschichte in Business Schools insbesondere in Skandinavien und den Niederlanden, aber auch in Japan und zunehmend in Osteuropa vertreten. In Skandinavien und den Niederlanden sind Schwerpunkte in diesem Forschungsbereich beheimatet am Centre for Business History an der Copenhagen Business School in Dänemark;22 am Centre for Business History an der BI Norwegian Business School in Oslo, Norwegen;23 am Uppsala Centre for Business History an der Uppsala University, Schweden;24 im Fachbereich Business History @ Erasmus an der Erasmus Universität in Rotterdam, Niederlande;25 und im Bereich Business History an der Utrecht University, Niederlande.26 In Italien ist Unternehmensgeschichte in Business Schools vor allem an der Bocconi in Mailand zu finden, auch wenn die institutionelle Verankerung eher inoffiziell, also nicht im Rahmen eines Centers, existiert. Zudem finden sich Schwerpunktbereiche auch in Japan (Osaka, Kobe, Hitotsubashi, Kyoto und Tokyo) und vermehrt in Osteuropa (Kozminski Universität, Warschau, Polen).

innerhalb eines Harwarb Business School Hörsaals, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported
innerhalb eines Harwarb Business School Hörsaals, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported


Die Forschungsschwerpunkte an diesen Zentren sind divers. Alle verbindet jedoch der Brückenschlag von Geschichtswissenschaft in die Bereiche Management, Unternehmertum (Entrepreneurship), Strategie und Internationale Unternehmen (International Business).27 Die Harvard Business School (HBS) hebt sich hervor durch ihre Business History Initiative, die von Geoffrey G. Jones, dem Inhaber des Isidor Straus Lehrstuhls für Unternehmensgeschichte, geleitet wird. Jones ist ein renommierter Wirtschaftshistoriker mit umfangreicher Forschung zu Globalisierung, nachhaltigem Unternehmertum und Geschichte multinationaler Unternehmen.28 Schon seit 1927 hat die HBS die Unternehmensgeschichte in das Managementstudium integriert und begründete auch die wichtige Fachzeitschrift Business History Review. Ein herausragendes Projekt der Initiative ist Creating Emerging Markets, das durch Interviews mit Unternehmer:Iinnen Einblicke in die Entwicklung von Unternehmen in aufstrebenden Märkten wie Lateinamerika, Afrika und Südasien bietet.29 Zudem ermöglichen Stipendien für Forschungsaufenthalte es internationalen Unternehmenshistoriker:iInnen, Zeit an dieser Institution zu verbringen und die historischen Archive und Bibliotheken der Harvard Universität zu nutzen.

An der Kopenhagener Business School besteht seit 1999 das Center for Business History, welches von Kurt Jacobsen gegründet wurde.30 Jacobsen’s Forschungsschwerpunkte umfassen die dänische Unternehmensgeschichte, das dänische Gesundheitssystem und die Regulierung des Arbeitsumfelds. Er ist Autor mehrerer bedeutender Werke, die die Geschichte großer dänischer Unternehmen beleuchten und sowohl auf Dänisch als auch auf Englisch publiziert sind.31 Das Zentrum ist Teil des Department of Business Humanities and Law und dient als interdisziplinäres Forschungs- und Lehrzentrum für die humanistischen Dimensionen von Unternehmen, Wirtschaft, Kapitalismus und organisatorischem Wandel. Es hat acht fest angestellte Historiker:iInnen, die sich sowohl als Autoren als auch als Herausgeber von Zeitschriften (Enterprise & Society seit 2015, Business History seit 2023, und bis 2024 auch Management and Organizational History) für eine Verankerung der Geschichtswissenschaft an Business Schools und darüber hinaus einsetzen.

Die University of Glasgow besitzt ebenfalls ein spezialisiertes Center for Business History, welches 1987 gegründet wurde und das einzige Forschungszentrum für Unternehmens- und Wirtschaftsgeschichte in Schottland ist. Das Zentrum ist Teil der School of Social & Political Sciences und eng mit dem Fachbereich Economic and Social History verknüpft. Es arbeitet außerdem mit der Adam Smith Business School zusammen und trägt sowohl zur Forschung als auch zur Lehre bei. Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Corporate Governance, Innovation und organisationaler Wandel. Diese Universität bietet zudem den International Master in Global Markets, Local Creativities (GLOCAL) an, ein zweijähriges Erasmus-Mundus-Studienprogramm, das unter Einbeziehung von Historiker:iInnen die Wechselwirkungen zwischen globalen wirtschaftlichen Entwicklungen und lokalen kreativen Industrien untersucht.32 An diesem Programm nehmennimmt von deutscher Seite auch die Universität Göttingen mit dem Lehrstuhl Wirtschafts- und Sozialgeschichte (Hartmut Berghoff, /Jan Logemann) teil, sowie international die Universitäten in Barcelona (Spanien), Rotterdam (Niederlande), Uppsala (Schweden), Universidad de Los Andes (Kolumbien) und Kyoto (Japan).

Institutionelle Anreize und Herausforderungen


Historische Forschung stößt in Business Schools auf institutionelle Hürden. Ein oft übersehener Faktor sind JournalrankingsRankings von Zeitschriften, die in vielen Ländern über akademische Karrieren mitentscheiden. Dazu zählen unter anderem das AJG (Academic Journal Guide), das führende Bewertungssystem für Business School-relevante Zeitschriften in Großbritannien, die australische ABDC-Liste (Australian Business Deans Council), die Zeitschriften nach Relevanz für die Forschung im austral-asiatischen Raum klassifiziert, sowie die US-orientierte FT50-Liste der Financial Times, die insbesondere für US-amerikanische und internationale Business Schools mit Fokus auf MBA-Rankings Bedeutung hat.

Erfreulicherweise genießen unternehmenshistorische Zeitschriften in diesen Rankings hohes Ansehen: Business History Review und Business History sind im AJG mit “4”, also der zweithöchsten Bewertung, ausgewiesen, Enterprise & Society mit “3”. Diese Einstufungen erleichtern es Forschenden, unternehmenshistorische Arbeiten in karrierefördernden Zeitschriften zu veröffentlichen. Gleichzeitig prägen Rankings aber auch, welche Art von Forschung unterstützt und sichtbar gemacht wird. Sie geben Anreize für Wissenschaftler:iInnen, Iihre Arbeiten auf die mögliche Publikation in diesen Zeitschriften auszurichten, was vielfach zu Kritik und Befürchtungen um akademische Unabhängigkeit führt.33

Ein weiterer entscheidender Faktor für die Sichtbarkeit und Integration historischer Forschung in Business Schools ist die Verfügbarkeit qualifizierter Gutachter für das „Peer-Review-Verfahren“ in Zeitschriften. Das Peer-Review-Verfahren ist ein zentraler Qualitätskontrollmechanismus in der Wissenschaft. Dabei werden eingereichte Beiträge anonym von unabhängigen Expert:Iinnen des Fachgebiets begutachtet. Diese sogenannten Peer Reviewer beurteilen die methodische Sorgfalt, Originalität und Relevanz der Arbeit für die jeweilige Disziplin. Erst nach positiver Bewertung und eventuellen Überarbeitungen wird der Beitrag zur Veröffentlichung angenommen.34

Die Bedeutung des Peer-Review-Verfahrens als Gatekeeper kann kaum überschätzt werden. Das Verfahren führt zudem häufig zu massiven Veränderungen von Manuskripten, die von Wissenschaftler:iInnen kritisierten und auch humoristisch verarbeitetn werden, zum Beispiel in weit verbreiteten Memes online (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Meme „Dein Paper vor und nach dem Peer-Review Verfahren“

© Verfasserin. Nach weit verbreiteten Memes in sozialen Medien.
© Verfasserin. Nach weit verbreiteten Memes in sozialen Medien.


© Verfasserin. Nach weit verbreiteten Memes in sozialen Medien.

Historische Beiträge erfordern spezifische methodische und epistemologische Kompetenzen, etwa im Umgang mit Quellenkritik, Kontextualisierung und historiografischer Argumentation. In interdisziplinären Begutachtungsverfahren fehlt es jedoch häufig an Gutachter:iInnen, die sowohl mit historischen Methoden vertraut sind als auch deren Mehrwert für Management- und Organisationstheorien erkennen. Dies kann dazu führen, dass historische Arbeiten an disziplinären Erwartungen vorbeigelesen oder methodisch unterschätzt werden. Die Qualität des Review-Prozesses und damit die Publikationschance hängt in solchen Fällen stark davon ab, ob ein disziplinenübergreifendes Verständnis vorhanden ist. Um die Integration historischer Forschung zu fördern, bedarf es daher nicht nur geeigneter Publikationsformate, sondern auch einer stärkeren Verankerung historiografischer Expertise in den Begutachtungsprozessen selbst und der Herausgeber von Zeitschriften, die sich dieser besonderen Verantwortung bewusst sind.

Im Zeitalter von künstlicher Intelligenz gibt es darüber hinaus große Befürchtungen, dass die zunehmende Abhängigkeit von undurchsichtigen Metriken (wie Google Scholar oder Journal Impact Faktoren) zu einem einseitigen Fokus auf die Quantität der Veröffentlichungen führt, während zentrale wissenschaftliche Praktiken wie intensives Lesen, reflektiertes Schreiben und kollegialer Austausch in Gefahr geraten.35 Diese Entwicklung steht im Widerspruch zu den epistemologischen Prinzipien der Geschichtswissenschaft, die auf Kontextualisierung und kritische Auseinandersetzung setzen. Für eine zukunftsfähige Verankerung der Unternehmensgeschichte in der Business School bedarf es daher einer bewussten Reflexion über Bewertungsmaßstäbe und wissenschaftliche Qualität.

Geschichtsbewusstsein an der Business School


Trotz der historischen Wende und vieler positiver Entwicklungen bleibt die Rezeption historischer Forschung in der Business School oft selektiv. Sie findet vor allem dort Anerkennung, wo sie bestehende theoretische Paradigmen oder methodische Präferenzen stützt, etwa als Ergänzung zur fallbasierten Lehre oder als kontextualisierende Grundlage institutioneller Theorien.36

Diese selektive Integration birgt sowohl Chancen als auch Risiken. Einerseits hat sie unternehmenshistorischer Forschung Zugang zu zentralen Debatten verschafft.37 Andererseits besteht die Gefahr, dass die epistemologischen und methodischen Eigenheiten historischer Forschung unterbewertet oder missverstanden werden.38 Zudem favorisieren viele Business Schools angelsächsische Narrative und blenden alternative globale und Iindigene Perspektiven aus.39 Dies begünstigt ein vereinfachtes, oft heroisches Verständnis von Kapitalismus und Unternehmertum, zu welchem Geschichte ein Gegengewicht bieten sollte.

Vielfach sind Karrieren von Historiker:iInnen an der Business School auch von regem Interesse an und Innovationen in der Lehre geprägt. Für die Integration von Geschichte in die Lehre spricht Vieles. Insbesondere fördert sie kritisches Denken, Kontextverständnis und Abstraktionsfähigkeit. Einzelne Studien argumentieren, dass historisches Bewusstsein zu reflektierterem Management führen kann.40

Innovative Formate, wie historische Fallstudien oder Module zur Geschichte des Kapitalismus, verankern unternehmenshistorische Inhalte in der Ausbildung. Ein Beitrag zur Entrepreneurship-Lehre in Business Schools ist beispielsweise das Modul “Historical Entrepreneurship”.41 Es basiert auf einer Fallstudienreihe, die historische unternehmerische Aktivitäten analysiert und so eine höhere Sensibilität für Kontext, Zeit und Wandel in der Entrepreneurship-Ausbildung fördert. Das Modul umfasst acht Fallstudien, die sich um vier zentrale Themenfelder gruppieren: Konsumverlangen, Technologie, Globalisierung und soziale Herausforderungen. Jeder Themenbereich wird anhand zweier Fälle und übertragbarer aktueller Anwendungen behandelt. Ziel ist es, Studierenden nicht nur das “Wie” unternehmerischer Handlungen, sondern auch das “Warum” näherzubringen und ihre Fähigkeit zur Abstraktion sowie zum Umgang mit Ambiguität zu stärken. Das didaktische Konzept dieser und ähnlicher Initiativen zielt darauf, durch historische Distanz Reflexionsfähigkeit zu schulen und unternehmerische Imagination zu fördern. Studierende lernen, Erkenntnisse aus historischen Fällen auf gegenwärtige unternehmerische Herausforderungen anzuwenden. Damit verknüpft diese Art der Lehre historische Analyse mit gegenwartsorientierter Strategieentwicklung.

Fazit und Zukunftsperspektiven


Die Unternehmensgeschichte hat sich in den vergangenen Jahrzehnten als eigenständiges und produktives Forschungsfeld an der Business School etabliert. Ihre Relevanz liegt nicht allein in der historischen Kontextualisierung ökonomischer Prozesse, sondern auch in der kritischen Reflexion über Kapitalismus, Märkte und Organisationen. In der Auseinandersetzung mit Vergangenheit, Erinnerung und Wandel bringt sie Perspektiven ein, die das Selbstverständnis der Business School als akademische Institution herausfordern und erweitern.

Die Beziehungen zwischen Unternehmensgeschichte und Business School sind dabei von wechselseitigem Nutzen aber auch von Spannungen geprägt. Während die Business School der Unternehmensgeschichte institutionellen Raum und Anwendungsbezug bietet, zwingt die Unternehmensgeschichte die Business School dazu, sich mit ihren eigenen epistemologischen Grundlagen, normativen Prämissen und historischen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Diese Beziehung ist produktiv, wenn sie als Dialog und nicht als Integration in bestehende Strukturen verstanden wird, so dass ein gegenseitiges Infragestellen und gemeinsames Weiterdenken möglich sind.

Zukünftige Forschung sollte diese Dynamik fördern, insbesondere durch internationale Kooperationen, die verantwortungsvolle Einbindung digitaler Methoden und die Unterstützung interdisziplinärer Lehrformate. Unternehmensgeschichte kann so nicht nur zur kritischen Reflexion ökonomischer Ordnungen beitragen, sondern auch zur Weiterentwicklung der Business School selbst, als Ort historisch informierter, pluralistischer und sorgfältiger Wissensproduktion.

Literaturliste

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Ressourcen/Links

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Referenzen

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12  Roy Suddaby u.a.et al., History-Informed Family Business Research: An Editorial on the Promise of History and Memory Work, in: Family Business Review 361 (2023), 4-16.

13 Christina Lubinski u.a.et al., Humanistic Approaches to Change: Entrepreneurship and Transformation, in: Business History 662 (2024), 347-363.

14 So beispielsweise Argyres u.a.et al., History-Informed Strategy Research. Wadhwani u.a.et al., Context, Time, and Change.

15 So Godfrey u.a.et al., What Is Organizational History? Wadhwani u.a.et al., History as Organizing: Uses of the Past in Organization Studies.

16 So Lubinski u.a.et al., Entrepreneurship and Transformation. McLaren u.a.et al., New Times, New Histories of the Business School.

17 Harvard Business School, Business History, https://www.hbs.edu/businesshistory [letzter Zugriff?].

18 USC Marshall School of Business, Lloyd Greif Center for Entrepreneurial Studies, https://www.marshall.usc.edu/departments/lloyd-greif-center-entrepreneurial-studies [letzter Zugriff?].

19 University of Glasgow, Centre for Business History in Scotland, https://www.gla.ac.uk/schools/socialpolitical/research/businesshistory/ [letzter Zugriff?].

20 Henley Business School, The Centre for Economic Institutions and Business History, https://www.henley.ac.uk/research/centres/centre-for-economics-institutions-and-business-history [letzer Zugriff?].

21 University of York, Centre for Evolution of Global Business and Institutions (CEGBI), https://www.york.ac.uk/business-society/research/marketing-international-business-entrepreneurship/cegbi/ [letzter Zugriff?].

22 Copenhagen Business School, Centre for Business History, https://www.cbs.dk/en/research/departments-and-centres/department-of-business-humanities-and-law/centre-business-history [letzter Zugriff?].

23 BI Norwegian Business School, Centre for Business History, https://www.bi.edu/research/centres-groups-and-other-initiatives/centre-for-business-history/ [letzter Zugriff?].

24 Uppsala Universitet, Uppsala Centre for Business History (UCBH), https://www.uu.se/en/centre/business-history [letzter Zugriff?].

25 Erasmus University Rotterdam, Erasmus Research Institute of Management, https://www.erim.eur.nl/business-history/ [letzter Zugriff?].

26 Utrecht University, Economic and Social History, https://www.uu.nl/en/research/economic-and-social-history [letzter Zugriff?].

27 Andrew Perchard u.a.et al., Clio in the Business School: Historical Approaches in Strategy, International Business and Entrepreneurship, in: Business History  6 (2017), 1-24.

28 Zuletzt: Geoffrey G. Jones, Deeply Responsible Business: A Global History of Values-Driven Leadership, Cambridge, MA, 2023. Geoffrey G. Jones, Varieties of Green Business: Industries, Nations and Time, Northamption, MA, 2018. Geoffrey G. Jones, Profits and Sustainability: A History of Green Entrepreneurship, Oxford, 2017.

29 Harvard Business School, Creating Emerging Markets, https://www.hbs.edu/creating-emerging-markets/Pages/default.aspx [letzter Zugriff?]. Genutzt u.a. in: Valeria Giacomin and /Geoffrey G. Jones, Drivers of Philanthropic Foundations in Emerging Markets: Family, Values and Spirituality, in: Journal of Business Ethics 180 (2022), 263–282.

30 Kurt Jacobsen and /Anders Ravn Sorensen, CBS 100 Years, CKopenhagen, 2017.

31 Darunter Kurt Jacobsen, Novo Nordisk, CKopenhagen, 2023. Kurt Jacobsen, The Story of GN: 150 Years in Technology, Big Business and Global Politics, CKopenhagen, 2019.

32 Glocal Consortium, Global Markets Local Creativities, https://globallocal-erasmusmundus.eu/ [letzter Zugriff?].

33 Herman Aguinis u.a.et al., “An A Is An A”: The New Bottom Line For Valuing Academic Research, in: Academy of Management Perspectives 341 (2020), 135-154.

34 Christina Lubinski, /Stephanie Decker, and /Niall MacKenzie, Revise and Resubmit? Peer Reviewing Business Historical Research, in: Business History 664 (2024), 773–792. Für die Geschichte des Peer-Review-Verfahrens siehe auch: Melinda Baldwin, Making "Nature": The History of a Scientific Journal, Chicago, 2015;. Melinda Baldwin, Scientific Autonomy, Public Accountability, and the Rise of “Peer Review” in the Cold War United States, in: Isis 1093 (2018), 538-558;. Alex Csiszar, The Scientific Journal: Authorship and the Politics of Knowledge in the Nineteenth Century, Chicago, 2018.

35  Beth A. Bechky and  /Gerald F. Davis, Resisting the Algorithmic Management of Science: Craft and Community After Generative AI, in: Administrative Science Quarterly 701 (2024), 1-22.

36 R. Daniel Wadhwani, Historical Reasoning and the Development of Entrepreneurship Theory, in: Hans Landström and /Franz Lohrke (Hrsg.), Historical Foundations of Entrepreneurship Research, Cheltenham, UK, 2010.

37 Hans Landström and /Franz Lohrke (Hrsg.), Intellectual Roots of Entrepreneurship Research, Cheltenham, UK, 2012.

38 Mairi Maclean/, Charles Harvey, and /Stewart Clegg, Conceptualizing Historical Organization Studies, in: Academy of Management Review 41 (2016), 609-632;. Stephanie Decker, /John Hassard, and /Michael Rowlinson, Rethinking History and Memory in Organization Studies: The Case for Historiographical Reflexivity, in: Human Relations 748 (2021), 1123-1155.

39 Christine Woods, /Kiri Dell, and /Brigid Carroll, Decolonizing the Business School: Reconstructing the Entrepreneurship Classroom through Indigenizing Pedagogy and Learning, in: Academy of Management Learning & Education 21 (2021), 82-100.

40 Kevin D Tennent, /Alex G Gillett, and /William M Foster, Developing Historical Consciousness in Management Learners, in: Management Learning 51 (2019), 73-88.

41 Christina Lubinski, /Valeria Giacomin, and /Daniel R. Wadhwani, Module Note Historical Entrepreneurship, Harvard Business School Publishing, https://hbsp.harvard.edu/product/SCG872-PDF-ENG, 2020.